Weil ich mit der gesamten Situation in unseren Kirchengemeinde nicht zufrieden bin, habe ich unserem Kirchengemeinderat einen Brief geschrieben. Ich glaube so wie mir geht es vielen Menschen. Ich bitte euch: Macht euch auf, schreibt und sagt was euch stört, was ihr gerne ändern möchtet. Lasst und die Evangelische Kirche verändern.

 

Guten Abend liebe Mitglieder des Kirchengemeinderates. Da ich nicht mit allen aus dem Kirchengemeinderat per Du bin wähle ich in meinem Brief als Anrede immer Sie. Ich schreibe Ihnen, weil ich in Gesprächen immer wieder festgestellt habe, dass ich nicht die richtigen Worte finde, dass ich Kernstücke meines Anliegens vergesse oder nicht richtig formulieren kann. Das kann ich in einem Brief besser tun, da ich meine Gedanken sammeln und formulieren kann. Ich schreibe Ihnen einerseits wegen des Prädikanten-Dienstes. Sie habe mich ja als Prädikant gewählt. Ich möchte Ihnen kurz schildern, warum ich meine Ausbildung ausgesetzt habe und zum anderen warum ich mich aus der Evangelischen Kirchengemeinde- was den Gottesdienstbesuch, aber auch was meine Mitarbeit angeht- zurückziehen werde, obwohl ich von der Landeskirche eigentlich total überzeugt bin.

Ganz kurz möchte ich etwas zu meinem geistlichen Werdegang sagen, damit sie mich besser verstehen. Ich bin mit 15 in einer Freikirche zum Glauben gekommen. Dort habe ich mein Leben Jesus gegeben und mein Leben hat sich auch sehr stark durch Jesus verändert. Einfach, weil es sein musste. Ich war kein netter Junge und meine Freunde waren auch nicht die, mit denen ich meine Kinder heute gerne spielen lassen würde. In der Freikirche habe ich den Glauben aber als eng, ja erdrückend empfunden. Es gab kaum Freiheiten, vieles war klar festgelegt und wenn man nicht so glaubte, dann wurde bezweifelt, ob man ein richtiger Christ sei. Durch einen Umzug bin ich dann mit der landeskirchlichen in Kontakt gekommen, obwohl ich davor gewarnt worden bin, hier gäbe es kaum echte Gläubige. Zu meiner Überraschung war es ein total lebendiger Gottesdienst, der mich sehr inspirierte, Gemeindemitglieder die Jesus nachfolgten und es gab eine sehr lebendige Jugendarbeit. Nach kurzer Zeit ging ich nur noch hier her. Ich erlebte Freiheit, ich erlebte, dass man kein Feindbild von anderen Christen haben muss, sondern wenn Jesus die zentrale Mitte ist, dann kann ich sehr wohl meine Geschwister im Guten stehen lassen, auch wenn sie in einigen theologischen Fragen anders glauben. Seit dieser Zeit ist die Evangelische Landeskirche nicht nur mein geistliches Zuhause, sondern hier habe ich viele Freunde und eine echte Heimat gefunden.

Weil das so ist, schreibe ich Ihnen. Ich tu mich seit wir hier her gezogen sind mit dem Gottesdienst wirklich sehr schwer. Seit einem Jahr komme ich eher unregelmäßig in den Gottesdienst. Weil ich leider meistens leer, gestresst und frustriert nach Hause gehe. Ich habe gedacht mit dem Prädikanten-Dienst etwas verändern und bewegen zu können. Doch gleich nach dem ersten Gottesdienst kam als Kritik, dass zu viele neue Lieder gesungen wurden. Dabei waren es noch nicht mal neue Lieder, sondern Lieder, die auch schon 20-40 Jahre alt sind. Das war dann der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich am Gottesdienst hier nicht so schnell etwas ändern kann. Dass es einige Personen gibt die den Gottesdienst so wollen wie er ist und hier auch zu keinem Kompromiss bereit sind. Klar, das Singteam ist ein Anfang, aber wie oft kommt das vor, dass sie singen und wie oft sind die ganz normalen Gottesdienste und auch das Singteam ist einigen Personen schon zu viel neues. Das Singteam ist toll, doch bewegt es sich auch hier in sehr engen Grenzen ohne das schlecht reden zu wollen. Viele Lieder sind dann auch schon älter oder im Still doch sehr dem Kirchlichen Gottesdienst angepasst. Ich habe in letzter Zeit mit einigen jungen Familien Kontakt gehabt, die hier in die Gemeinde gegangen sind und jetzt nicht mehr kommen.Sie stört auch die Gottesdienstform.

Ich bin kein Einzelfall, es gibt sehr viele, die eben einfach nicht mehr kommen wegen der Gottesdienstform. Aber vor allem wegen der Musik. Menschen die leer aus unserem Gottesdienst gehen. Wir feiern Reformation, aber singen immer noch die gleichen Lieder von damals. Luther hat Wirtshauslieder genommen und umgedichtet, um nah an den Menschen zu sein. Wo gibt es so was bei uns? Wir feiern Luther doch ich denke er würde über unseren Gottesdienst oft nur den Kopf schütteln und sich fragen ob wir nicht eine Reformation brauchen. Ich verstehe schon, dass Altensteig eine besondere Beziehung zur Musik hat. Was ist aber mit den Menschen, die nicht auf Klassik, Orgel oder Posaunenchor stehen? Ich habe mit einigen aus der Gemeinde hier gesprochen und es gibt viele, die sich einen modernen Gottesdienst wünschen. Sie kommen zwar jeden Sonntag in die Kirche, weil sie, wie sie sagen, sich daran gewöhnt haben, aber auch unzufrieden sind. Ich finde es von den Menschen, die so sehr auf Orgel, Konzerte und diese ganze alte Musik stehen schon fast dreist, auf diese Formen zu beharren und so Menschen den Zugang zu unserem Gottesdienst so schwer zu machen oder Menschen wie mich damit aus der Kirche zu verscheuchen. Ich muss es leider so sagen, denn so empfinde ich es. Wenn jemand nur auf das beharrt dann ist er Schuld wenn Menschen nicht mehr kommen, dann sind diese Leute mit ihrer Sturheit und Unfähigkeit in diesem Punkt einen Kompromiss zu finden daran Schuld wenn bald noch weniger in unseren Gottesdienst kommen.

Ich würde gerne meine Mutter oder Kollegen in den Gottesdienst einladen, aber ich traue mich nicht, weil mir dieser Gottesdienst vor allem die Musik oft peinlich ist und viel zu weit weg vom normalen Leben. In Sersheim, in der Evangelischen Kirche, von der ich vorher gesprochen habe, war das ganz anders. Es gab auch immer wieder Orgellieder, aber es gab eine Band, ja es gab eine fest eingebaute Technik, es gab eine Leinwand, es gab Anspiele und immer mal wieder Filme und Bilder. Wenn ich hier nur das Thema Leinwand und Technik anspreche (zumindest bei einigen Personen), dann gibt es echt böse Blicke, von Verschandeln der Kirche und so ist die Rede. Das verstehe ich nicht. Wie kann man nur denken dass man ein Monopol darauf hat wie Kirche sein kann. Wie können einige wenige bestimmen was in unsere Kirche läuft und andere dürfen nicht gestallten und mitwirken.

Sollte Gemeinde nicht für alle sein, sollte Gemeinde nicht ein Querschnitt durch die Gesellschaft sein? Doch wo sind in Altensteig die Handwerker, die Menschen aus der Industrie, wo die Azubis und wo sind die Konfirmanden nach der Konfirmation? Wann ist das Letze mal hier neu in unseren Gottesdienst gekommen, außer die hier her gezogen sind. Wie viele haben sich den neu einladen lassen in unseren Gottesdienst und viele vor allem von den Familien von denen ich vorher gesprochen habe kommen nicht mehr. Ich behaupte einmal, das liegt mit an der Gottesdienstform. Bei uns auf der Baustelle, im Handwerk und auch in der Industrie weh anderer Wind. Ja auch im Büro und im Supermarkt da hört man keine Klassik, da genießt man die Klänge einer Orgel eher weniger, da hört man keine Arien. Diese Menschen spricht andere Musik andere Texte an, diese Menschen, macht man den Zugang zum Gottesdienst unmöglich und andere vergrault man.

Warum macht man es diesen Menschen- und da zähle ich mich dazu, so schwer und warum kann man den Personen, die so sehr auf Orgel und alte Lieder bestehen nicht widersprechen und sagen, dass es auch andere Menschen gibt, so wie mich, die damit nichts anfangen können. Warum hat man nicht genug „ Arsch in der Hose“ um zu sagen, es so viele die sich andere Mitglieder unsere Kirche die sich andere Musik, ein Beamer, ein Anspiel, eine kreative Schriftlesung usw. wünschen. Man spricht von kirchenfernen Menschen, doch ich frage mich, müsste man nicht davon sprechen, dass die Kirche mit ihrer Gottesdienstform fern von den meisten nicht Kirchenmusik liebenden Menschen ist? Doch leider haben diese Menschen keine Lobby und dann gehen sie einfach woanders hin. Auf der einen Seite wird so viel für die Musik getan, da wird so viel Energie rein gesteckt und auf der anderen Seite gab es in Altensteig keine Jungschar als wir hier her gezogen sind. Die Landeskirche lebt ein Stück weit von ihrer eigenen Jugend. Wie viele sind denn bei uns im Gottesdienst deren Eltern nicht fromm sind, die nicht Jungschar und Jungendkreis hatten? Wie viele sind denn tatsächlich neu zum Glauben gekommen, wie viele hat man denn erreicht? Deshalb versteh ich nicht, wie man die Jungschar aufhören konnte. Und das ist die andere Seite die eigentlich keine Lobby hat, die Kinder und Jugendarbeit.

Ich kennen keine Gemeinde in der es trotz Jungendwerk so schwer ist Jugendarbeit zu machen. Wo sich so wenige Finden sich hier einzubringen. Fast jeden Freitag bin ich für 2 Stunden in der Jungschar, dazu kommen noch mindestens 2-3 Stunden Vorbereitung, fast jede Woche. Doch ich habe nicht das Gefühl, dass hier etwas zurückkommt. Wir suchen verzweifelt nach Mitarbeitern, wir tun uns echt schwer mit K13, aber auch beim Gemeindehaus tut sich nichts. Wir machen es möglich, dass andere ihre Hochzeit im Nebenraum vorbereiten, weil wir nur diese zwei Räume haben, machen es möglich, dass Proben nebenher sind und dass wir schnell wieder raus müssen, wenn der Spieletreff kommt. Das ist so frustrierend, wir haben keine Sofas und kaum Platz, tolle Spiele zu machen, können nicht vor die Türe, weil das tollste Spiel dann die Laternen zu besteigen ist. Das nervt so dermaßen, es macht einfach keinen Spaß, so Jugendarbeit zu machen. Das EJW tut, was es kann, aber die haben selber zu kämpfen. Stefan bemüht sich sehr, schaut und sucht nach Mitarbeitern und kümmert sich wirklich, versucht zu helfen. XXXXXXX fragt immer mal wieder nach auch in den EJW Besprechungen habe ich das Gefühl er möchte weiter mit der Jugend.

Doch wer sonst, bisher hat keiner gefragt, wie geht es uns denn, wo hängt es, was braucht es. Ich habe nicht das Gefühl das Jugendarbeit hier sehr wertgeschätzt oder gar anerkannt wird. Das es keine Jungschar gegeben hat, das hat mich fast schon geärgert aber ich find es ist ein gutes Bild. Weil Jugendarbeit irgendwie keine Lobby hat, sie kommt nicht so wirklich vor, geht irgendwie unter. Ich empfinde Jugendarbeit hier eher als Stress, als ein Segnen und gesegnet werden. Der Gottesdienst und das was zur Jugendarbeit nun geschrieben habe, finde ich so frustrierend, nervend und stressend. Vor allem sehe ich nicht, dass sich die nächsten Jahre daran grundlegend etwas ändern wird, es gibt einfach wenige die nichts ändern wollen die auf biegen und brechen alles so lassen wollen und auf der anderen Seite die, die es stört und in Gesprächen dass auch immer sagen, die nichts tun. Aus Zeitmangel oder aus Bequemlichkeit. Deshalb habe ich mich wirklich schweren Herzens entschieden, den Prädikantendienst auszusetzen, meine Mitarbeit hier in der Gemeinde zu beenden und mich nach den Sommerferien gemeindlich neu zu orientieren. Vielleicht ist einiges von dem, was ich schreibe zu düster und schwarz dargestellt und mag aus der Frustration heraus nicht objektiv genug sein.

Doch so empfinde ich es. Ich weiß auch, dass viele von Ihnen mit dem Herzen dabei sind und ein Anliegen haben, auch etwas ändern möchten, doch zurzeit ist irgendwie Stillstand, es bewegt sich nicht viel in Sachen Liedern, Technik, Gemeindehaus, Jungschar und Gottesdienstform. Und bei aller Liebe zur Landeskirche kann ich einfach nicht mehr mitgehen, da finde ich keine Heimat, keine Ermutigen und auch keinen Segen für mich. Ich wollte nicht wie viele andere einfach nicht mehr kommen, die zu 100% so empfunden habe wie ich und nun weg, sondern auch sagen, warum ich nicht mehr komme. Fragen sie sich oder auch andere mal wie zufrieden sie mit dem Gottesdienst sind. Ob sie erfüllt, gesegnet oder mit einem Lied im Ohr oder mit einer Textstelle oder ein Wort aus der Predigt nach Hause gehen. Fragen sie doch mal wer gerne seine Arbeitskollegen und Freunde in unseren Gottesdienst einlädt, wann haben sie das Letze mal jemand in den Gottesdienst mitgebracht und diese Person ist von Gott erfüllt nach Haus gegangen. Können wir es verantworten so vielen Menschen die Zugang zu unserem Gottesdienst zu verbauen und unmöglich zu machen nur weil wir an unserem Gottesdienst festhalten. Fragen sie sich was würde Luther sagen, wie würde er handeln, wenn wir in letzter Zeit schon so viel von ihm sprechen. Vielen Dank für Ihre Zeit, Ihr Ronnie Berzins.


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